Die aktuelle flair im Dezember

Was uns noch wundert - ein Essay von Vea Kaiser

# 12/17

Haben wir verlernt, an Wunder zu glauben? Oder fällt es nur schwer, mit ihnen umzugehen? Erfolgsautorin Vea Kaiser denkt in der Dezember-Ausgabe über Zufälle, Schutzengel und den Hashtag #Wunder nach und verrät, warum sie selbst aus dem Staunen nicht herauskommt.

Illustration: Claudia Klein
Illustration: Claudia Klein

Seit einer Juninacht vor zweieinhalb Jahren denke ich manchmal, dass es ein Wunder ist, dass ich noch am Leben bin. In jener Nacht fuhr ich mit dem Auto von einer Lesung in der Steiermark nach Hause nach Wien. Müde und erschöpft lenkte ich mein Auto durch die Kurven der Buckligen Welt und ärgerte mich, dass Österreich mehr Berge als Verstand hat. Auf der rechten Spur quälten sich osteuropäische Lkw wie überladene Packesel, außer dem meinen war kein einziger Pkw unterwegs.

Aus Bequemlichkeit hielt ich mich auf der linken Spur, mit auf 105 km/h eingestelltem Tempomaten fuhr ich bergauf, bergab, Linkskurve, Rechtskurve, vorbei an den Lkw – als plötzlich mein Handywecker erschallte. Es ertönte jedoch nicht das sanfte Xylofon-Geräusch, das mich morgens zärtlich weckt, sondern jenes laute, markerschütternde MEEP-MEEP-MEEP, das ich normalerweise nur für den Sicherheitswecker um 5 Uhr früh benutze, wenn ich einen Frühflug erreichen muss. MEEP-MEEP-MEEP. Ich hatte den Wecker am Vortag nicht wissentlich aktiviert – und erschrak so sehr, dass ich reflexhaft auf die Bremse stieg und mich rechts hinter einem Lkw einordnete. MEEP-MEEP-MEEP-MEEP. Ich kramte in meiner Tasche nach dem Handy, um diesen grauenhaften Ton auszuschalten – als plötzlich auf der linken Spur ein Geisterfahrer an mir vorbeiraste …


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01.12.2017