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On & Off

Online oder Offline? Diese Frage wird sich in der Mode bald nicht mehr stellen. Die Entscheidungen, die wir treffen müssen, sind ganz andere. flair Featurechefin Julia Werner geht in der Aprilausgabe der Frage nach, welche Rolle online in der Mode der Zukunft spielen wird.

Fotos: pixabay.com, catwalkpictures.com, Unsplash
Fotos: pixabay.com, catwalkpictures.com, Unsplash

Neulich stand auf dem Schaufenster einer gerade geschlossenen Boutique bei mir um die Ecke in riesigen Lettern: „Tote Innenstädte? Kein Wunder, wenn ihr Deppen alles im Internet kauft! Merkt ihr’s noch?“ Ich fühlte mich schlecht, denn ich bin leidenschaftlicher Online-Shopper, und zwar seit Yoox 1999 seine virtuellen Türen und mir damit die Welt zu bezahlbaren Last-Season-Pieces meiner Lieblingslabels öffnete. Die Kaufaktion dauerte damals noch ewig, war aber ein einziger Thrill. Wir erinnern uns: Mit dem schrillen Piepton erst mal ins Internet einwählen, warten, bis die Seite sich aufgebaut hat, im Zeitlupentempo den Warenkorb aktualisieren, quälend lange auf die Kaufbestätigung warten – aber das Ganze war schon damals eine Offenbarung.
Plötzlich gab es keine Ausverkauft-Enttäuschung in Läden mehr, keine aufdringlichen Verkäufer, kein unvorteilhaftes Licht und keine Schwellenangst in Luxusboutiquen. Dass Federico Marchetti (Yoox) und Natalie Massenet (Net-A-Porter) damals von der gesamten Modebranche belächelt wurden, erscheint heute wie ein Witz. 20 Jahre später macht die YNAP-Gruppe, also der Merger aus dem Online-Outlet Yoox und Net-A-Porter, zwei Milliarden Euro Umsatz, mehr als die Hälfte davon über Smartphones. Der heilige Tempel der Modebranche, der Conceptstore Colette in Paris, hat hingegen dichtgemacht.

Das ist natürlich ein Beweis für die Argumente derjenigen, die gern den Teufel an die Wand malen, nämlich dass mit der voranschreitenden Digitalisierung die Zivilisation untergeht. Und auf den ersten Blick ist da ja auch was dran: Wir haben uns der echten Welt entfremdet. Digitale Zombies, die sich nicht mehr in die Augen schauen, sondern lieber nach unten, auf ihre iPhones. Die davon verursachten Nackenschmerzen haben sogar schon einen Namen: smartphone neck. Ich fühlte mich also schuldig, als ich das Donnerwetter auf der Schaufensterscheibe las …

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03.04.2019