flair im September 2018

Die neue Lust am Auffallen

Wo man auch hinsieht: Konformität überall. Bloß nicht aus der Reihe tanzen und schon gar nicht im Mittelpunkt stehen. Aber warum eigentlich? Ein Plädoyer für mehr Exzentrik in der Mode von Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken.

Illustration: Julia Geiszler
Illustration: Julia Geiszler

Zurzeit wird viel über den Verfall einer öffentlichen Kultur der Mode geklagt: Viele wissen gar nicht mehr, was es heißt, angezogen zu sein. Nun ist es paradox, höchst paradox, dass die völlige Freiheit, die scheinbare Tabulosigkeit, das vermeintliche Wegfallen aller Konventionen zu einer selten gekannten und zudem nicht gerade anziehenden Konformität führt. Alle ziehen sich immer gleich an, klagt man. Und das sieht, höflich formuliert, nicht immer wirklich gut aus, rügt man. Von Exzentrik also keine Spur. Alles Extravagante verbannt.

Mir scheint, dass es durchaus noch Tabus gibt. Und damit meine ich nicht, dass bestimmte Kleidungsstücke gesetzlich verboten werden. Nach fast 200 Jahren Freiheit gibt es wieder Gesetze, die ansagen, was zu tragen und was nicht zu tragen sei: das Kopftuch etwa, der Burkini. Tabus haben es ja an sich, nicht ausgesprochen zu werden und trotzdem zu wirken. Grundlegend für die Entwicklung der Mode in der Moderne ist nicht das Tabu der Nacktheit und auch nicht das Tabu des cross dressing – Frauen in Männerkleidern etwa –, wohl aber das Tabu der Exzentrik, der Extravaganz. Man darf alles, bloß nicht auffallen. Und das tut jemand, der exzentrisch angezogen ist, selbstverständlich. Die Exzentrik haben wir in die Welt der people, der royals, auf die mondänen Ereignisse, auf die Bühne verbannt. David Bowie, Lady Gaga – dort, aber nicht auf der Straße, im wirklichen Leben, in der Politik wird Exzentrik nicht bloß toleriert, sondern erwartet.

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03.09.2018